Wunder
Ja, das war schon ein Wunder, was damals vor 20 Jahren mit Deutschland passiert ist!
Den ganzen Nachmittag über lief auf Phönix Wiedervereinigungsgedöns. Rauf und runter. Und trotzdem hatte ich die ganze Zeit Tränen in den Augen. Das war damals so eine tolle Stimmung, so unbeschwert, wunderschön, freundlich und glücklich. Annähernd ähnliche Stimmung hatten wir in Deutschland seitdem doch nur noch beim Sommermärchen, oder?
Aber egal, ich hab jedenfalls drüber nachgedacht, wie ich das damals so erlebt hat. Da war ich 16 und hab gerade erst angefangen, auch andere Themen als Freundinnen, Jungs, Klamotten, Schule und mich selbst wahrzunehmen.
Ich erinnere mich auf jeden Fall daran, daß meine Mutter, als ich noch recht klein war (Grundschule oder so), in regelmäßigen Abständen Pakete in die “Ostzone” geschickt hatte. (Jaaaaa, bei uns hieß die DDR noch “Ostzone”! Ich war glaub ich schon deutlich älter, als ich realisierte, daß die DDR = “Ostzone” ist!) In den Paketen waren immer solch vermeintliche Luxusgüter wie Kaffee, Pralinen, Schokolade und Dosenobst. Das erzeugte in meinem kindlichen Gehirn immer Bilder von alten, frierenden Menschen, die in abgenutzten Samtsesseln, die mit Häkeldeckchen geschmückt sind, auf Pakete von netten Menschen warteten, damit sie “mal etwas Leckeres zum Essen haben”. Das war für mich der Inbegriff des Ostzonenbürger.
Mit 14 war ich dann mit “Jugend trainiert für Olympia” in Berlin. Dort machten wir auch einen Ausflug nach Ostberlin. Mit der U-Bahn. Duch diese ganzen stillgelegten U-Bahnhöfe. (Zumindest hab ich das so in Erinnerung) Ich fühlte mich die ganze Zeit bedrückt, weil dort alles so grau und trist war, weil es keine Leuchtreklame gab, keine bunten Plakate und die Auslagen in den wenigen Geschäften wirkten allesamt alt und verstaubt. Die Schrift auf den meisten öffentlichen Schildern sah aus wie unsere Vorkriegsschilder (kennt ihr diese komischen Buchstaben noch?). Außerdem munkelte man, daß ostdeutsche Zöllner auch gerne mal jemand, der etwas verbrochen hatte, aus der U-Bahn zerrte, und nicht wieder in den Westen zurück ließ. Daraufhin war ich sehr erleichtert, als ich wieder wohlbehalten im Westen angekommen war!
Dann erinnere ich mich wieder, wie der ganze Wiedervereinigungs-Schneeball so langsam losrollte. Die Menschenmassen in Ungarn und Tschechien. Wie ich mit meinem Vater diskutierte, was da gerade geschah. Wie wir für die Schule die Nachrichten verfolgen sollten. Auf allen Sendern sah man glückliche Ex-DDR-Bürger, die soeben unter Lebensgefahr den Stacheldraht an der ungarischen Grenze passiert hatten. Und dann der große Knall, oder vielmehr der kleine Versprecher. Wo ich an dem Tag war, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, daß ich in den Tagen mit dem Gefühl lebte, daß da zwar etwas ganz Großartiges geschehen war, aber ich glaubte nicht, daß das von Dauer war. Ich erwartete irgendwie von diesen ganzen verknöcherten Honnys, daß sie irgendwann doch noch schwere Geschütze auffahren und dann bald alles wieder dicht ist. Ich konnte mir zu der Zeit überhaupt nicht vorstellen, daß diese Änderung von Dauer sein sollte, und vor allem, daß ich so etwas Tolles leibhaftig miterleben durfte!
Als sich dann die ganze Tragweite der Wiedervereinigung herauskristallisierte, war ich stolz. Stolz, daß ich das miterleben durfte, daß ICH tatsächlich dabei war. Wo man sonst doch von solch aufregenden Ereignissen nur in Geschichtsbüchern las. Aber das, das war doch eine Sensation, und ICH durfte sie in Echtzeit verfolgen. Ich beobachtete, wo ich nur konnte, die glücklichen Gesichter der Menschen, die gerade “rübergemacht” hatten. Die staunenden Gesichter ob unseres Kapitalismus. Die Sehnsüchte, die Wiedersehensfreude, Familienzusammenführungen, Existenzgründungen.
Erst heute kann ich ermessen, wie groß das Wunder damals wirklich war. Daß in diesen kritischen Zeiten niemand verletzt wurde, daß kein einziger Schuss fiel, das ist in meinen Augen das größte Wunder. Wären die falschen Menschen zu dieser Zeit mit lockerem Finger am Abzug irgendwo gehockt, die Revolution hätte doch im dritten Weltkrieg enden können. Auch wenn es sicherlich nicht immer einfach war und ist, freue ich mich über Gesamtdeutschland. Ich freue mich vor allem über die Familien, die zusammengefunden haben. Über die Liebenden, denen die Grenzöffnung ein gemeinsames Leben ermöglicht hat. Ich bin eben doch hoffnungslos romantisch.
Ich freue mich auch heute noch über Erzgebirge-Weihnachtsschmuck, über Spreewaldgurken, über Urlaub an der Ostsee und die Mecklenburgische Seenplatte. Übrigens berührt es mich immer noch, wenn bei der Eröffnung der olympischen Spiele nur eine große deutsche Mannschaft einläuft. So gehört sich das, nur so ist es richtig.


